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Emergency Calls

Auf die Frage „What is your emergency?“ wird auf der Welt täglich geantwortet. In dem Kurzfilm “Emergency Calls” zum Beispiel mit einer Sturzgeburt, einem Amoklauf in der Schule oder einer Massenkarambolage auf dem Highway. Das Erschreckende dabei: meistens kennzeichnet der Anruf die Grenze zwischen Leben und Tod. Blut und Katastrophenbilder bleiben im Film aus. Stattdessen sind faszinierende Weltraumaufnahmen der NASA oder harmonische Wolkenbilder zu sehen.

Den Rahmen des Films bilden die verschiedenen Notrufe des Kreuzfahrtschiffes “Estonia”, das 1994 gesunken ist. Am anderen Ende der Telefonleitung sind verzweifelte und hilfsbedürftige Menschen zu hören. Emotionslos, allmächtig und aufmerksam werden die Telefonisten, die die Hilfsbedürftigen betreuen und befragen, dargestellt. Die Regisseure Hannes Vartianien und Pekka Veikkolainen verzichten bewusst darauf, die beschriebenen Situationen auch optisch darzustellen.

Beängstigend und mitreißend

Katastrophenbilder, leidende Menschen oder gar Blut und Tod, all das bleibt aus. Das ist auch die Absicht der finnischen Regisseure Hannes Vartianien und Pekka Veikkolainen. Die Stimmung, die die Notrufe hinterlassen, beherrscht den ganzen Film: Sie ist beängstigend, schockierend, fesselnd, fragend.

Emotionen werden in dem Film nicht durch Bilder der Unglückssituationen erzeugt, sondern schlicht und einfach durch die spannenden und zugleich schockierenden Gespräche. Durch den Entschluss, keine Bilder solcher Unfälle zu zeigen, geben die Regisseure dem Zuschauer die Möglichkeit, sich voll und ganz auf das Auditive zu konzentrieren. Und das ist den Regisseuren mehr als gut gelungen.

“Emergency Calls” fesselt. Vor allem, weil er Fragen hinterlässt: Was passiert nach dem Notruf? Oft wird diese Frage nicht beantwortet. Während der gesamten Spieldauer von 15 Minuten befindet sich der Film an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

In den Vordergrund treten die Menschen am anderen Ende der Leitung: Die Telefonisten werden dargestellt, als würde das Leben der Verletzten allein in ihrer Hand liegen, sie erscheinen nahezu allmächtig – ohne diese Macht wirklich zu besitzen.

Man darf den Kurzfilm als ein Kunstwerk bezeichnen, denn er ist in seiner Art einzigartig. Selten hat mich ein Kurzfilm so mitgerissen und beängstigt. Und mit dem Blick auf das Unglück, das manchen Menschen in dem Film widerfährt, denkt man doch gleich intensiver über sein eigenes Leben nach.

Text: Daniel Korenev

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