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Bianca läuft…

In Tina Baras Dokumentarfilm „Bianca läuft…“ geht es um eine an Multiple Sklerose erkrankte Frau, die auch mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Die Narben an ihren Armen und Beinen erzählen die Geschichte langjähriger Selbstverletzung. Obwohl sie kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen kann, ist sie eine passionierte Läuferin. Wenn es irgendwie geht, läuft sie jeden Tag.

Kilometerweit, obwohl ihr linker Fuß inzwischen fast vollständig gelähmt ist. In Biancas Alltag spielt das Laufen eine große Rolle. Wenn ein Krankheitsschub sie einmal daran hindert, holen die Schatten ihrer psychischen Probleme sie sofort ein.

Bilder einer zerissenen Seele

Neben dem Laufen ist die Malerei ihr Ventil, um den psychischen Druck zu mindern. Mit großer Leidenschaft sammelt sie tote Tiere und Knochen, die ihr als Vorlagen für ihre verstörenden Bilder dienen. Ihre großformatigen Bilder wirken gleichzeitig hyperreal und expressionistisch, weil sie ihre inneren Verwerfungen in den Bildern, die größtenteils sie selbst zeigen, sichtbar macht: blutige Wunden, tote Augenhöhlen und tiefe Gesichtsfalten im grauen Gesicht. In ihren Bildern ist deutlich sichtbar, wie zerstört Bianca sich fühlt. Immer wieder zeigt sie alte Fotos und Videos von sich selbst aus einer Zeit, in der ihr Leben noch normal zu verlaufen schien – die Vergangenheit scheint sie nicht loszulassen, egal wie schnell sie läuft.

Ein intimes Portrait

Das Thema an sich ist sehr interessant, weswegen einen der Film auch nach Tagen nicht wieder loslässt. Über die Umsetzung lässt sich allerdings streiten. Tina Bara, von Haus aus Fotografin, hat die Dreharbeiten ganz alleine ohne großes Team bewältigt. Im Mittelpunkt stand nicht der perfekte Bildausschnitt, sondern der Kontakt zu ihrer Protagonistin. Auch im Schnitt hat sie sich bemüht, möglichst wenig emotionale Elemente hinzuzufügen. So wurde zum Beispiel nur Musik im Film verwendet, die während des Drehs zu hören war.

Leider wurde dieses Prinzip nicht wirklich durchgängig verfolgt, so fehlte ausgerechnet die Musik, die Bianca beim Laufen hört – und die sie trotz aller Einschränkungen Kilometer um Kilometer vorwärts treibt. Nur bei den viel zu langen mitgefilmten Autofahrten ist die düstere Musik zu hören. Über weite Strecken stehen die beiden Frauen per Brief in Kontakt. Im Film spielen diese Briefe eine große Rolle. Tina Bara liest ihre eigenen Briefe an Bianca vor, während sie sich selbst in der Spiegelung des Fensters aufnimmt. Die Gründe für diese formale Entscheidung bleiben offen.

Bianca lebt ganz in ihrer eigenen Welt und der Film weigert sich beharrlich, diese Perspektive durch einen Blick von außen zu ergänzen. Es bleibt also offen, wie ihre Familienmitglieder die Situation sehen, ob ihnen Biancas Zustand und das daraus folgende Verhalten überhaupt bewusst ist. Im Verlauf des Films wird mehr und mehr deutlich, dass dieser blinde Fleck ein Teil der Schatten ist, vor denen Bianca mit schleppenden Schritten davon läuft.

Text: Annika Spieler, Harley Viktoria Ring

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