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Eine Kindheit als Staatsfeind

Seit seiner Einsetzung als „oberster Führer“ Nordkoreas inszeniert sich Kim Jong-Un als legitimer Nachfolger seines Vaters Kim Jong-il, der bis 2011 das kommunistische Land diktatorisch regierte. Bis heute leben rund 200. 000 Menschen als politische Gefangene in Straflagern. Der Film “Camp 14 – Total Control Zone” von Marc Wiese dokumentiert das erschütternde Schicksal eines jungen Mannes, der in einem der Todeslager, dem Camp 14, geboren wurde.

1982 wurde Shin-Dong-huyk in dem Internierungslager Kaechon, auch Camp 14 genannt, geboren. Er ist der Sohn zweier politisch Gefangener. Mit seiner Familie lebt er in einem einräumigen Haus ohne Möbel, ohne Betten und Matratzen. Er befindet sich in einem „Todeslager“. Keiner der Häftlinge wird jemals wieder frei sein. Das Lager ist ein Ort des absoluten Gehorsams. Shin ist ein Kind des Lagers – Widerstand ist ihm fremd. Als seine Mutter und sein Bruder die Flucht planen, verrät er sie. Er hat es nicht anders gelernt. Als Mutter und Bruder vor seinen Augen gehängt werden, weint er nicht. Keiner hat es ihm befohlen. Erst als Erwachsener plant er selbst die Flucht. Nur einmal im Leben, so sagt er, möchte er sich satt essen. Dafür nimmt er jedes Risiko in Kauf. Shin gelingt die Flucht.

Das Besondere an Marc Wieses Film ist, dass er nicht nur Shins Geschichte erzählt, sondern auch die Menschen vor die Kamera holt, die ihm und den anderen Gefangenen das Leben zur Hölle gemacht haben: die Wärter, Henker und Folterer. Zwei ehemalige Aufseher sprechen ganz offen über die Gräueltaten, für die sie verantwortungsvoll sind. Für sie ist das Leben eines Häftlings nicht mehr wert, als das einer Fliege. Die Aufseher machen mit den Gefangenen was sie wollen. Vergewaltigung und Mord sind an der Tagesordnung. Der Film lebt von den Erzählungen und Schilderungen der Einzelschicksale. Durch triste Animationssequenzen werden die Erinnerungen Shins gekonnt in Szene gesetzt. Dank dieser außergewöhnlichen Mischung aus Animation und Narration ist der Film ein gelungenes Porträt, das die Lage in Nordkorea kritisch betrachtet. Vor allem für Politikinteressierte ist der Dokumentarfilm empfehlenswert.

Marc Wiese begleitet Shin, der jetzt als Menschenrechtsaktivist tätig ist, nach Los Angeles, Seattle und Genf. Obwohl er seine neue Freiheit schätzt, werden ihn die Erinnerungen an das Lager nie loslassen. Für ihn steht das Lager ebenso für grausame Erfahrungen wie für die einzig unschuldige Zeit seines Lebens. Trotz allem ist sich Shin sicher:

„Falls es jemals eine Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten gäbe, wäre ich der Erste, der nach Nordkorea fahren würde.“

Fotos: DOK Leipzig, Text: Louisa

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