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Der „Euromaidan“ beim DOK

Vor allem westliche Länder sind von den Sanktionen gegen Russland stark betroffen. Allein in Deutschland sanken die Exporte nach Russland um 16,6% und das in einem Zeitraum von nur sieben Monaten. Am meisten betroffen sind die Sektoren Finanzen, Rüstung und Hochtechnologie. Außerdem sind alle Europäischen Länder von Russland als Gaslieferant abhängig. Innerhalb Russlands gibt es eine gewaltige Propagandamaschinerie, zu der unter anderem ein riesiges Medien-Holding mit „Phantomwissenschaftlern“ gehört. Diese verbreiten in Russland das Gerücht, Deutschland würde Putins Einmarsch in der Ukraine vollkommen verstehen und teilweise sogar unterstützen…

So oder so ähnlich könnte ein Artikel zum Thema Ukrainekonflikt beginnen. Aus der Sicht von Deutschland, Frankreich oder einem anderen, an dem Konflikt unbeteiligten Staat.

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Anfangsszene aus „Maidan“

Doch wie sieht das Volk in Kiew die Maidan-Bewegung? In den beiden Filmen „Maidan“ und „All Things Ablaze“ wird das Thema Ukrainekrise aufgegriffen. Beide berichten über den Maidan aus der Sicht der in Kiew lebenden Bevölkerung und haben einen ähnlichen Handlungsverlauf. Doch sie stellen die Ereignisse in auffallend verschiedenen Sichtweisen dar. Was beide Filme ausklammern, ist die Einschätzung der Situation aus Sicht Pro-Russischer Kämpfer.

Am 21. November 2013 beginnen die friedlichen Proteste unter dem Namen „Euromaidan“ in Kiew. Auslöser für diese ist, dass der damalige Präsident Janukowytsch einen Vertrag mit der EU, welcher der Ukraine Vorteile gebracht hätte, nicht unterzeichnen will.

Außerdem ist die Bevölkerung extrem unzufrieden mit dem politischen und wirtschaftlichen System und der Regierung des Landes. Neben Vorwürfen gegen den Präsidenten, er habe sich am Staatsbesitz bereichert, gibt es den Verdacht auf Korruption und Wahlbetrug. Am 30. November eskalieren die Proteste auf den Straßen mit dem Einschreiten der bewaffneten Spezialpolizei des ukrainischen Staates. Nach dem Sturm auf das Parlamentsgebäude am 18. Februar liefern sich die Ukrainischen Kämpfer schwere Gefechte mit der Polizei, schließlich flieht Janukowytsch. Bis zu diesem Zeitpunkt werden zahlreiche Menschenrechte verletzt, Infrastruktur zerstört und ungefähr 100 Menschen getötet.

Beide Filme setzen mit den Protesten im November ein. Der Film „Maidan“ beginnt mit einer Großaufnahme einer Menschenmenge, die ukrainische Nationalhymne wird gesungen. Diese Bild gibt die generelle Orientierung des Filmes sehr gut wieder, wobei der Fokus auf der Masse liegt und nicht auf dem einzelnen Menschen. Individuelle Schicksale werden ausgeblendet und es gibt nur wenige Dialoge, in denen die verschiedenen Meinungen der Bevölkerung zur Sprache gebracht werden. Allerdings gibt es viele Szenen, die Lautsprecherdurchsagen oder Agitatoren auf zentralen Bühnen zeigen. Diese skandieren populistische Parolen und wollen so die Menge überzeugen, für ihr Vaterland kämpfen zu müssen. In „Maidan“ scheinen der Tod der Kämpfer, die gewaltsamen Zusammenstöße der beiden gegnerischen Parteien und die Ereignisse in Kiew glorifiziert, beschönigt oder komplett verschwiegen zu werden.

 

 

In „All Things Ablaze“ hingegen liegt der Schwerpunkt auf Szenen, Dialogen und Handlungen Einzelner, trotzdem nicht genauer charakterisierten Personen. Die Regisseure begeben sich mit Videokameras in die Menschenmenge und fangen so geschickt die Stimmung der Passanten ein, ohne diese direkt zu befragen. „All Things Ablaze“ ist ein Film, welcher nah an den Menschen ist, so dass der Zuschauer sich sehr gut in die Situation der Protestierenden hineinversetzen kann. Emotionen und Gefühle der Demonstranten werden wesentlich detaillierter dargestellt, als es die Großeinstellungen in „Maidan“ je könnten. Berichtet wird nicht nur aus Sicht der Pro-Ukrainischen Kämpfer, sondern auch aus Perspektive der Polizei. Der Dreh von Szenen in der Menge der Polizisten war für die Reporter gefährlich, trotzdem sind sie das Risiko eingegangen, um die Demonstranten möglichst von außerhalb filmen zu können. Extreme Szenen werden nicht ausgespart, im Gegenteil: Der Fokus liegt auf der gewaltsamen Entwicklung der Proteste. Die Intention der Regisseure war, das Scheitern der Friedlichen Proteste darzustellen sowie zu zeigen, wie die Demonstrationen aus dem Ruder gelaufen sind und welche Konsequenzen dies nach sich zieht. Der Film zeigt nur wenige Aspekte der Protestbewegung, wobei die Regisseure nie zum Ziel hatten, einen umfassenden Überblick mit Hintergründen zu liefern. Das Team wollte genau die Ereignisse festhalten, welche für den externen Beobachter nicht nachvollziehbar und nur schwer vorstellbar sind.

Die sechs Produzenten von „All Things Ablaze“ haben ihr Projekt als eine Art Videotagebuch angefangen, welches von Kiew aus an die FAZ geschickt wurde. Die Videos dienten dazu, der ausländischen Bevölkerung ein Bild aus dem Herzen Kiews zu liefern. Mit immer zahlreicheren Videoteilen kam schließlich erst die Idee auf, einen zusammenhängenden Film zum Thema Maidan zu produzieren. Trotz der verschiedenen, aneinandergereihten Teile ist der Film ein Gesamtwerk und die Ereignisse sind chronologisch geordnet. Da die Proteste nicht lange zurückliegen, ist das Thema Maidan für die Filmemacher noch sehr präsent und berührend. Mehr dazu haben sie uns im Interview verraten.

Im Gespräch mit ihnen nach der Vorführung des Films kommt auch die jetzige Lage in Kiew zur Sprache: Die Hoffnung der Ukrainer in eine Zukunft mit einer besseren politischen Situation scheint gedämpft. Unterstützung für die Ukraine gegen Russland und vor allem Putin ist von europäischer Seite nicht zu erwarten. Ob die Krim bald wieder zur Ukraine gehören wird, ist eher unwahrscheinlich, der Ausgang der Abstimmungen über die Souveränität von Städten nahe der russischen Grenze ist ungewiss. Die Zukunft der Ukraine ist sehr unbestimmt und es scheint, als hätten selbst an der Regierung Beteiligte Schwierigkeiten, die politische Lage einzuschätzen.

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