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DOK zwischen den Welten

DOK-Filme laufen zur Zeit in fast allen Kinos in Leipzig, aber nicht nur da. Die außergewöhnlichste Spielstätte ist wohl die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen.

Es ist bereits dunkel, als wir in den Bus Richtung Jugendstrafvollzugsanstalt steigen. Keiner weiß genau, was dort auf uns zukommt. Angekommen, durchlaufen wir erst einmal eine Sicherheitskontrolle, müssen unsere Ausweise und Handys abgeben.

IMG_4902Durch eine kühle, graue Vorhalle betreten wir schließlich das Gelände. Hier wirkt alles eher wie ein großes, modernes Schulgelände – nur die hohen Sicherheitszäune verraten, wo wir wirklich sind. Vor der Eingangstür steht eine Gruppe junger, muskulöser und kurzhaariger Männer. Gemeinsam mit den Besuchern wollen mehr als 40 Häftlinge Gerd Kroskes Film „Striche ziehen.“ schauen.

Wir betreten unsicher die Aula, die Stimmung ist anders als bei einer „normalen“ DOK-Vorstellung. Unbewusst teilen sich die beiden Gruppen, rechts die Insassen, links die Besucher. Nur wenige trauen sich auf die andere Seite. Zu Beginn der Vorstellung kommen noch vereinzelt provokante Kommentare, die für Lacher sorgen. Doch der Film schafft es, die Zuschauer zu fesseln, es wird ganz ruhig in der Aula. Eine Häftlingsjury hat den Film selbst ausgewählt, es geht um Punks in der DDR, Verrat und künstlerischen Protest. Während der Vorstellung scheinen wir alle vergessen zu haben, wo wir sind. Erst der Applaus holt uns zurück. Plötzlich hat man etwas mit den Menschen gemeinsam, die vorher völlig fremd waren.

Fasziniert vom Film fragen die Insassen den Regisseur und sein Team aus, die sich sichtlich über die Resonanz freuen. Die direkten Fragen der Häftlinge, die man so im Festival selten zu hören bekommt, machen das Gespräch aufrichtig und zu einem der besten der ganzen Woche. Besonders der Verrat, der im Mittelpunkt des Filmes steht, polarisiert. Es entwickelt sich eine lebendige Diskussion, die immer mehr Tiefgang bekommt. Nach dem Film stürzen sich alle auf Kaffee und Schnittchen und plötzlich ist kaum noch eine Trennung zwischen den Gruppen sichtbar.

Während die Häftlinge in ihre Zellen zurückkehren, fahren wir mit dem Bus zurück in unser eigenes Leben. Der Blick aus dem Fenster auf die riesige, still daliegende Anlage hinterlässt ein merkwürdiges Gefühl. Wir unterhalten uns über die Erfahrungen des Abends und sind uns einig: es war die Reise wert.

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