ArtikelErfahrungsbericht

Traveller on foot

Am Festivaldienstag fand im Kupfersaal der DOK Film Talk „Ecstatic Truths. A Conversation with Werner Herzog“ statt. Die DOK Spotters waren mit dabei und haben sich ihr eigenes Bild gemacht.

Menschen reihen sich in Schlangen vor dem Eingang des Kupfersaals, nur um ihn zu sehen – ihn zu hören. Werner Herzog ist der diesjährige Ehrengast des internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm. Abgesehen von der Eröffnungsveranstaltung mit seinem Film „Gorbachev“ lädt das Festival am Dienstag zu einem Bühnengespräch mit Herzog. Während organisatorischer Unruhen lässt er auf sich warten und betritt die Bühne erst als alle Zuschauer in erwartungsvoller Aufmerksamkeit für ihn bereit sind.

Die Veranstaltung besteht aus willkürlichen anmutenden Episoden: Filmausschnitte und Gespräche darüber reihen sich aneinander. Herzog, als der talentierte Regisseur der er ist, gibt sich keine Mühe sein von Erfolg geprägtes Wesen zu verstecken. Von Selbstüberzeugung geschwängerte Monologe wechseln sich mit pseudoesoterischen Phantasien ab.

Nach einer kurzen Einführung erzählt er von dem Dreh seines letzten Films. Außer den grundsätzlichen Fragen nach dem Konzept und der Umsetzung des Films spricht die Moderatorin über den persönlichen Zugang Herzogs zu Gorbatschow. Er gibt sich als Genie der Zwischenmenschlichkeit: mit wenigen Sätzen eine tiefe Vertrautheit zu schaffen sei eine essentielle Qualität guter Filmemacher – und seine Spezialität.

Da die zeitlichen Möglichkeiten für die Gespräche mit Gorbatschow stark begrenzt waren, musste bereits innerhalb der ersten Minuten die erforderliche Intimität für die spezielle Herzog-Atmosphäre entstehen. Als weiterführendes Bespiel für diese Qualität beschreibt der Meister den Dreh mit einem zum Tod verurteilten Gefängnisinsassen. Auch hier war seine Art der Schlüssel zu einem Menschen, dessen Umstände nur eine kurze Drehzeit ermöglichten. Ein eigenartiger Vergleich.

Als die Moderatorin seine Gesprächsführung als „Technik“ bezeichnet unterbricht er sie. Es sei keine Technik, so etwas könne man nicht erlernen. Generell scheint für Herzog jede Form des Könnens zwangsläufig auf angeborene Qualitäten zu gründen oder in einem kosmischen Zusammenhang zu stehen. Dieser Geniepathos bildet die Grundlage einiger Monologe, die die eigentliche Frage schon längst aus den Augen verloren haben.

Nach einer neunzig-minütigen Hommage an sich selbst und sein Lebenswerk beantwortet Herzog abschließende Zuschauerfragen. Ein Mann bekommt das Mikrofon gereicht – er spricht über ein früheres Interview. Herzog habe darin von langen Wanderungen zur Wahrnehmung seiner Umgebung gesprochen. Dies habe einen Eindruck bei ihm hinterlassen und auch ihn zu ausgiebigen Wanderungen animiert. In diesem Zusammenhang sei seine Frage, ob Herzog den Zusammenhang zwischen Schrittgeschwindigkeit und der Handlungsgeschwindigkeit des entstehenden Films bestätigen kann. Herzog antwortet, er glaube nicht, jemals gesagt zu haben, man solle mit einer Kamera wandern. Grundsätzlich laufe oder wandere er nicht, sondern er sei frei übersetzt „Reisender zu Fuß“. Das Folgende hat dann nichts mehr mit der Zuschauerfrage zu tun und besteht aus der reinen Freude an sich selbst. Dabei bleibt er bei den Klassikern: esoterische Erfahrungen beim „Reisen zu Fuß“ – an dieser Bezeichnung hält Herzog mit beeindruckender Konsequenz fest. Als auch wieder die grenzenlose Zwischenmenschlichkeit mit den Reisebekanntschaften.

Den Höhepunkt bildet die Erzählung über eine damals im sterben liegende Freundin Herzogs. Nachdem er erfahren hatte, dass sie in ein Krankhaus eingeliefert wurde, machte sich der „Reisende zu Fuß“ von München auf den Weg zu ihr nach Paris. Obwohl die Zeit aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands drängte, legte er den Weg zu Fuß zurück. Bei seiner Ankunft war sie noch am Leben, erholte sich sogar und lebte noch acht weitere Jahre. Er hätte ihr nicht erlaubt in diesem Moment zu sterben, denn ihre Zeit war für ihn noch nicht gekommen.
Werner Herzog ist eine faszinierende Person. Sein Lebenswerk als Regisseur in Dokumentar- und Spielfilm ist beeindruckend. Jedoch spricht auf der Bühne nicht sein Werk, sondern die Person Herzog – ein Mensch, der etwas ist und sich trotzdem noch beweisen muss, etwas zu sein.

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