In einem Raum voller Menschen hebt eine junge Frau ihre Hand, will sich an der laufenden Diskussion beteiligen. Doch keiner scheint sie wahrzunehmen. Ältere Menschen reden weiter und weiter, sodass die Frau nach einiger Zeit entmutigt ihre Hand senkt.
Diese kurze Szene steht sinnbildlich für einen großen Konflikt, der im Dokumentarfilm „Auber 89“ im Vordergrund steht: der Konflikt zwischen jung und alt.
Der Film adressiert dieses Thema, indem er Archivaufnahmen von Sanierungsdebatten aus der Stadt Aubervilliers zeigt, die während der 80er- Jahre stattgefunden haben. Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern leben in diesem Vorort von Paris zusammen in beigen Hochhaussiedlungen und werden zu dringend nötigen Erneuerungsvorschlägen für Gebäude und öffentlichen Plätzen befragt. Dabei offenbaren sich deutliche Unterschiede zwischen den Bedürfnissen von jüngeren und älteren Bewohner*innen. Die Jugendlichen teilen einen tiefsitzenden Frust über die Ignoranz der Älteren und vermissen ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem ihre politische Stimme respektiert wird.
Diese Sorgen und Wünsche waren Vanja und mir, Sophia, altbekannt und wir fanden es sehr spannend, diese in einem neuen Kontext zu sehen, der mit Material aus der Vergangenheit realisiert wird.
Wir haben den italienischen Regisseur Giuseppe Schillaci getroffen, um mit ihm ein Interview zu führen. Da Giuseppe Schillaci nun in Paris lebt, spricht er fließend französich. Deswegen haben wir das Gespräch auf französich geführt.
Hier findet ihr die deutsche Version des Interviews:
„Vor ein paar Tagen waren wir in Bologna zu einer Filmvorführung. Gleichzeitig fand dort eine Demonstration von Studierenden und Jugendlichen statt. […] Wir mussten die Vorführung unterbrechen, weil Polizeigase sogar in den Kinosaal eindrangen.“
Vanja: Der Film zeigt die Situation in Aubervilliers in den 80er-Jahren. Was denkst du, wie hat sich die Situation bis heute verändert?
Giuseppe Schillaci: Der Film besteht aus Archivaufnahmen aus den 80er-Jahren in Aubervilliers, einem Vorort in der Nähe von Paris. Ich selbst wohne ganz in der Nähe, weniger als einen Kilometer von dieser Wohnsiedlung in Aubervilliers entfernt. Heute wird die Siedlung teilweise abgerissen und wieder instand gesetzt beziehungsweise renoviert. Der Unterschied zu den Sanierungen in den 80er-Jahren ist, dass bei dieser neuen Sanierung sehr viel abgerissen wird. Außerdem wird die Siedlung nicht mehr vollständig öffentlich sein, sondern zur Hälfte privatisiert. Das bedeutet auch, dass das Wohnen dort teurer wird. Sehr wahrscheinlich werden die Menschen, die jetzt dort leben, wegziehen müssen, weiter weg von Paris, also sich weiter von der Stadt entfernen. Das ist ein Prozess, den wir sehr gut kennen und Gentrifizierung nennen. Heute ist die Siedlung also teilweise fast menschenleer, während der andere Teil gerade saniert wird. Die Arbeiten stehen kurz vor dem Abschluss. Was sich im Vergleich zu dem, was ich damals gefilmt habe, verändert hat, ist, dass es in den 80er-Jahren noch eine gewisse Energie und eine gewisse Lebendigkeit des Zusammenlebens gab. Die Bevölkerung war damals zwar eine andere, aber es gab auch noch viel politisches Engagement. Heute sind die Menschen, würde ich sagen, etwas niedergeschlagener. Sie fühlen sich stärker vom Staat und von der öffentlichen Sozialpolitik im Stich gelassen. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die sich engagieren. Es gibt weiterhin Vereine und Initiativen, die versuchen, etwas für die Stadt, die Wohnviertel, die Kinder und die Jugendlichen zu tun. Es gibt also durchaus noch eine gewisse Lebendigkeit, aber sie ist anders als in den 80er-Jahren.
Vanja: In deinem Film zeigst du eine wütende Jugend. Glaubst du, dass die Jugend heute noch genauso wütend ist, oder hat sich das verändert?
Giuseppe Schillaci: Ja, ich glaube, es ist genau dieselbe Wut. Tatsächlich stehe ich an der Seite der Jugend und unterstütze sie. Stell dir vor: Vor ein paar Tagen waren wir in Bologna zu einer Filmvorführung. Gleichzeitig fand dort eine Demonstration von Studierenden und Jugendlichen statt. Die Demonstration war direkt auf der Straße vor dem Kino. Wir mussten die Vorführung unterbrechen, weil Polizeigase sogar in den Kinosaal eindrangen. Ich glaube deshalb, dass der Film sehr aktuell ist. Denn er handelt auch von einem Generationenkonflikt: einem Konflikt zwischen den jungen Menschen, die versuchen, ihren Platz und eine Stimme zu bekommen, und den älteren Generationen, die über die Macht verfügen und eine gefestigtere Position haben. Sie versuchen, die jungen Menschen daran zu hindern, sich auszudrücken, eine Stimme zu bekommen und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Ich denke, hier gibt es wirklich sehr interessante und starke Parallelen. Der Film bringt junge Menschen zum Nachdenken und zum Sprechen. Ich hoffe, dass er zunehmend auch ein junges Publikum erreicht. Denn die Geschichte wiederholt sich, aber natürlich können wir daraus lernen. Vor allem können wir lernen, dass wir nicht allein sind. Dass es vor vielleicht 40 Jahren andere junge Menschen gab, die Ähnliches durchgemacht haben wie wir. Es geht um sehr wichtige Forderungen. Es geht um das gesellschaftliche Leben, um politische Teilhabe, um Beteiligung am öffentlichen Leben, an den Universitäten und Schulen und um mehr staatliche Mittel. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Kampf, den man unbedingt ernst nehmen muss.
„Die Politikerinnen und Politiker müssen das hören und den jungen Menschen eine Stimme geben, damit sie sich ausdrücken und versuchen können, die Dinge zu verändern.“
Vanja: Wie kann man den Konflikt zwischen den Generationen lösen?
Giuseppe Schillaci: Ich weiß nicht genau, wie man ihn lösen kann. Vielleicht, indem man den Menschen zuhört und nicht nur über Randalierer spricht, nicht nur über brennende Autos oder eingeschlagene Schaufenster in den Luxuszentren von Mailand oder Paris. Stattdessen sollte man wirklich über die Forderungen der jungen Menschen sprechen. Denn diese Forderungen sind eigentlich ziemlich klar: mehr öffentliche Gelder für Schulen, mehr öffentliche Gelder für Universitäten, mehr öffentliche Gelder für Krankenhäuser, weniger Geld für das Militär und für Kriege und mehr Geld für den sozialen Bereich, um Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, um die Stadtviertel und die Randgebiete zu unterstützen. Natürlich gibt es auch Gewaltbereite. Aber Gewalt ist nur ein Teil davon, ein extremer Teil, der entsteht, wenn sehr viel Wut im Spiel ist. Diese soziale Wut ist aber berechtigt, denn dahinter stehen echte Forderungen und ein wirklicher gesellschaftlicher Konflikt, den man hören muss. Die Politikerinnen und Politiker müssen das hören und den jungen Menschen eine Stimme geben, damit sie sich ausdrücken und versuchen können, die Dinge zu verändern. Denn die Richtung, in die wir uns bewegen – immer mehr Geld für die Privatwirtschaft, immer mehr Kriege und eine zunehmende Militarisierung der Gesellschaft –, ist keine gute Richtung. Und das wissen die Menschen sehr genau.
„Das Private und das Politische sind immer miteinander verbunden. Der Mensch lebt in einer Gemeinschaft, wir können nicht allein leben.“
Vanja: In deinem Film hast du sehr viele Archivaufnahmen verwendet. Wie hast du die Bilder für den Film ausgewählt? Ich kann mir vorstellen, dass du sehr viel Material hattest.
Giuseppe Schillaci: Ja, es gab sehr viele Rohaufnahmen, die ich in den Stadtarchiven von Aubervilliers gefunden habe. Es war zunächst eine enorme Arbeit, überhaupt die Archive zu finden, die Videos und Kassetten aufzuspüren und sie zu digitalisieren. Anschließend musste ich das Material sortieren und herausfinden, was darin zu sehen war und worüber gesprochen wurde. Besonders glücklich war ich darüber, dass ich nicht nur die fertigen Filme gefunden habe, sondern auch das Rohmaterial, also das Material, das letztlich nicht in die fertigen Filme aufgenommen worden war. Darin steckte gewissermaßen all das, was die kommunistische Stadtverwaltung damals ihren Bürgerinnen und Bürgern vielleicht nicht unbedingt zeigen wollte. Ich konnte eine verborgene Seite sichtbar zu machen. Eine Seite, in der die Konflikte tatsächlich beginnen, sich abzuzeichnen. Das hat mir ermöglicht, die gesellschaftlichen Dynamiken noch besser zu verstehen. Nach und nach, durch intensive Beschäftigung und viel Recherche, haben wir gemeinsam mit der Cutterin Christine Bouteiller, die eine unglaubliche Arbeit geleistet hat, versucht, die verschiedenen Themen, Probleme und Konflikte herauszuarbeiten. So hat der Film nach und nach seine Form gefunden.
Und dann gab es noch Fatah Bouyaman, den Protagonisten des Films. Er war bereits in den 80er-Jahren dort und erkennt sich selbst auf den Aufnahmen wieder. Er hatte seine Erinnerungen verloren. Es gibt also einen ganzen Prozess, in dem er mithilfe dieser Kassetten und dieses Films, der in den 80er-Jahren gedreht wurde, seine Erinnerungen wiederfindet. Das verleiht dem Film auch eine große emotionale Kraft. Denn er sieht sich selbst als Kind wieder. Er entdeckt seine eigene Intimität wieder, seine Freunde, seine Nachbarn. Das Private und das Politische sind immer miteinander verbunden. Der Mensch lebt in einer Gemeinschaft, wir können nicht allein leben. Der Film versucht genau in diese Richtung zu gehen und diese Dimension zu ergründen: wie Menschen, Männer und Frauen, wie Gemeinschaften miteinander verbunden sind, sich an einem Ort verwurzeln und dort gemeinsam leben. Es geht also wirklich um das Zusammenleben. Und dieses Zusammenleben kann nach und nach zerbrechen und zerstört werden, wenn man es nicht pflegt. Wenn man zulässt, dass der Hass mehr Raum einnimmt als die Liebe – um es einmal ganz einfach auszudrücken.
Wenn man mit solchem Archivmaterial arbeitet und wirklich tief in das Material eintaucht, beschäftigt man sich mit verschiedenen Ebenen. Man versucht, unterschiedliche Erdschichten freizulegen. Schichten, die auch Beziehungen und Bilder enthalten, aber ebenso Orte, die man wieder zum Leben und ans Licht bringen möchte. Das ist beinahe magisch. Die Vergangenheit und die Erinnerung können uns Schlüssel geben, um die heutige Welt zu verstehen. Sie helfen uns, uns selbst in Raum und Zeit zu verorten, Abstand zu gewinnen und die gesellschaftlichen Dynamiken der Gegenwart besser zu begreifen. Wenn wir immer nur in der Gegenwart leben, immer nur im Hier und Jetzt, verlieren wir das Bewusstsein dafür, wer wir sind und wohin wir wollen. Wichtig ist aber auch, diese Erinnerungen wiederzubeleben und sie erneut lebendig werden zu lassen. Und genau das ist etwas, was das Kino leisten kann – insbesondere der Dokumentarfilm. Das Kino ist eine Möglichkeit, die Wirklichkeit auf eine gewisse Weise zu verzaubern und sie zum Schwingen zu bringen. Sie mit der Vergangenheit in Resonanz zu bringen und umgekehrt auch die Vergangenheit in der Gegenwart wieder zum Klingen zu bringen.
