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Wohngemeinschaft auf Zeit

Johanna Domke und Michael Bluhm sitzen gemeinsam am Frühstückstisch. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die beiden kennen sich erst seit einem Tag. Normalerweise übernachten die Dokwochen-Wettbewerbsteilnehmer aus aller Welt in Hotels, das aber oft nur für wenige Tage. „Um ehrlich zu sein: Ich wollte die Dokwoche in ihrer ganzen Länge ausnutzen“, sagt die Regisseurin Johanna Domke. Weil auch für sie nur drei Nächte in einem Hotel reserviert werden konnten, wohnt sie für die erste Zeit in einer privaten Wohnung.

Bei der Aktion „Zimmer frei“ bieten hilfsbereite Leipziger den Teilnehmern des Festivals einen Schlafplatz in den eigenen vier Wänden an. Einer dieser Leipziger ist Johanna Domkes Gastgeber Michael Bluhm. Er hat bereits in den vergangenen Jahren mit seiner Freundin Jenny als Volontär beim Dokfestival ausgeholfen. In diesem Jahr war das nicht möglich, sagt Michael Bluhm. „Deshalb haben wir gedacht, wir würden gerne wieder was machen. Wenn wir schon keine Zeit haben mitzuarbeiten, können wir doch nachts hier Filmemacher schlafen lassen.“

Für Regisseurin Johanna Domke ist das eine praktische Lösung. Die Wohnung von Michael Bluhm liegt nahe des Stadtzentrums, wo die meisten Filme des Festivals gezeigt werden. In dem umfunktionierten Arbeits- und Hobbyraum von Michael Bluhm kann sie noch mehr Zeit in die Arbeit an ihrem Film und die Vorbereitungen der Premiere stecken. Johanna Domke nimmt als Regisseurin des Films „Crop“ am Wettbewerb für Junges Kino teil.

Michael Bluhm bekommt zwar kein Geld, doch eine Gegenleistung gibt es trotzdem: Zehn Freikarten für die Dokwoche. So kann er sich die Filme mit seiner Freundin oder mit seinem Gast ansehen.

Es ist eine Wohngemeinschaft auf Zeit. Und genau so fühlt es sich auch an, sagen sie. In kürzester Zeit hat sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Welcher fremden Person gibt man schon einen Schlüssel zur eigenen Wohnung? Johanna Domke hat ihn gleich am ersten Tag bekommen. Vielleicht auch, weil sie nicht mit leeren Händen vor der Tür stand: „Ich komme direkt von einem anderen Festival in Tschechien mit einem sehr schönen Konzept: Es drehte sich alles um das Erntedankfest. Es gab viel Obst und Gemüse und unter anderem diesen Holundersirup, den ich als Gastgeschenk mitgebracht habe.“

Der kommt gleich am Frühstückstisch zum Einsatz. Beim gemeinsamen Essen geht es natürlich vor allem um eins: Filme. Denn nicht nur Johanna Domke ist aktiv im Filmgeschäft. „Ich hatte gestern eine Anprobe gehabt. Ich muss als Komparse Fahrrad fahren“, erzählt Michael. Bei der Verfilmung von Clemens Meyers „Als wir träumten“ wird auch er vor der Kamera stehen.

Bei der Aktion „Zimmer frei“ kommen Filmemacher und Zuschauer zusammen – und manchmal haben sie sogar mehr gemeinsam, als sie ahnen.

Text: Harley Viktoria Ring

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